Kobanê

In der internationalen Politik geht es um Interessen. In unserem internationalen Regelwerk nach der Charta der Vereinten Nationen geht es um die Stärke des Rechts, statt des Rechts des Stärkeren.

Wenn es noch eines Nachweises vor der Weltöffentlichkeit bedurfte, dass der unilaterale Weltpolizist USA und das von diesem bestimmte westliche Militärbündnis NATO interessen- und nicht rechtsgeleitete Akteure sind, dann ist er in dem Gefühl, fassungsloser Zuschauer einer a-moralischen Weltordnungspolitik sein zu müssen, erbracht.

Wer also glaubt, von einer Wertegemeinschaft des Westens reden zu müssen, der darf über deren die eigenen normativen Grundlagen zerstörende Praxis dieser Gemeinschaft nicht schweigen.

Was wieder einmal fehlt ist die Stimme eines seiner eigenen Verantwortung und Würde bewussten Europas, dessen Staats- und Regierungschefs nicht verstehen, dass die eigene koloniale Vergangenheit in Nordafrika und im nahen und mittleren Osten erst vollständig überwunden sein wird, wenn es seine nun im Inneren gültigen Prinzipien auch gegenüber den USA einfordert. “Die Würde beruht auf dem Festhalten an unserer Verantwortung vor dem eigenem Gewissen” – Helmut Schmidt.

Mit nur noch sieben Prozent Anteil an der Weltbevölkerung der EU rückt Europa immer mehr an Peripherie der Weltpolitik. Europa, das ist eine Idee, eine Erzählung und eben keineswegs nur jene „marginale Ausstülpung eurasischer Landmasse“, wie Friedrich Schlegel meinte.

Diese Selbstbestimmungsfähigkeit Europas wird durch Eigenständigkeit und Unabhängigkeit unseres Rechtsbegriffes in der Praxis, durch unsere Handlungen oder Nicht-Handlungen gekennzeichnet und grenzt sich nur so vom Zustand der Fremdbestimmung ab.

Wenn wir Europäer jetzt also die Kämpferinnen und Kämpfer in Kobanê zum Tode verurteilen, dann, weil wir nicht Subjekt unseres eigenen Rechtsbegriffs sind, weil wir fremdbestimmt uns der Macht, dem Recht des Stärkeren unterwerfen, die immer die Willkür und das ethische Desaster hervorbringt, Menschen nur als Mittel zum Zweck zu betrachten.

Wie viele “Geschichtszeichen” (Kant) – NSA, Ukraine, TTIP, Kobanê – wollen wir eigentlich noch schweigend an uns vorüber ziehen lassen, bis wir endlich begreifen, dass unser “Bündnispartner” eine Obstruktion unserer Europäischen Idee betreibt?

Die Stärke des Rechts, statt das Recht des Stärkeren. Schutzverantwortung. Und die Pflicht, ohne die der Begriff der Freiheit zur Willkür, zur Freiheit in einem Raubtierkäfig verkommt.

Wir Europäer sollten aufgeklärt handeln, statt weiterhin abgeklärt zuzuschauen, wie eine Welt- und eine Regionalmacht sich in ihren Interessenwidersprüchen verstricken.

Diese Kurdische Kämpferin stirbt für uns alle. Sie kämpft gegen das Mittelalter, gegen das “Kreuz und das Schwert” und gegen den “Halbmond und das Schwert” zugleich. Ihr Unglück, dass sie auch Kurdische Freiheitskämpferin und Kommunistin ist. Und wie die Sargreihen in Lampedusa ist sie auch Symbol der Schande eines sich sich zunehmend selbst verlierenden und selbst verleugnenden Europas.

Robert Zion, 09. Oktober 2014.

Kurdinnen_Open-Source

Kobanê

International relations are about interests. According to the international system of rules of the Charter of the United Nations, politics ought to be about the power of law instead of the right of might.

The feeling of being trapped as a dismayed witness of an immoral world order ought to suffice as proof that the United States, and the NATO alliance it dominates, pursues its interests rather than the power of law.

If we feel that values unite the west then we cannot be silent about western behavior that destroys the normative foundations of the western community.

Once again Europe is lacking a voice that is aware of its responsibility and dignity. Europe’s heads of state and government have to appreciate that their own colonial past in North Africa, the Near and Middle East will only be entirely overcome, if Europe demands from the United States adherence to the principles that already apply to domestic politics when it comes to international conflict.“Dignity rests on the adherence to our responsibility to our own conscience“ (Helmut Schmidt).

With only seven percent of the global population residing in the European Union, Europe moves increasingly to the periphery of world politics.

Europe is an idea, a narrative and not just a “marginal extension of the Eurasian land mass”, as Schlegel thought.

Only the autonomy and independence of our concept of law, marked by our actions and inactions, delineates the European capacity of self-determination from submission to foreign determination.

When we Europeans condemn the fighters in Kobanê to death, then we do so, because we are not determining our own concept of law, we obey foreign determination and submit to the right of might, which only produces despotism and ethical disaster, and views human beings as a means to an end.

How much longer shall we remain silent as Kantian “historical markers” – the NSA scandal, the Ukraine, war, TTIP, Kobanê, pass, until we finally recognize that our “ally” obstructs the European idea?

The Power of Law instead of the Right of Might. Responsibility to Protect. And the duty, without which the concept of freedom becomes capricious, degenerates into the freedom of an animal cage.

As Europeans we ought to act enlightened instead of witnessing detachedly how a world and regional power become mired in their contradictory interests.

This Kurdish fighter dies for all of us. She fights against the middle ages, against “the cross and the sword” and against “the half-moon and the sword” simultaneously. It is her misfortune that she is also a Kurdish freedom fighter and a Communist.

And just like the rows of coffins at the Mediterranean, she too is a symbol of the shame of a Europe that is increasingly losing and denying itself.

Robert Zion, October 9, 2014
Member of the Green Party in Germany