„Nun ward der Winter unsers Mißvergnügens…“*

Offener Antwortbrief

(Dieser offene Antwortbrief ergeht ebenso an die DFG-VK)

Liebe Angelika,

ich danke Dir recht herzlich, dass Du mich als Grüne und Pressesprecherin der IPPNW (Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges/Ärzte in sozialer Verantwortung) persönlich angeschrieben und darum gebeten hast, „ob die Grünen NRW sich an der Mobilisierung zum sogenannten Friedenswinter beteiligen können“. Selbstverständlich kann ich nicht für die Grünen in NRW antworten, möchte Dir aber persönlich und auch als Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG-VK) antworten.

Du schreibst: „Erstmals bereitet die traditionelle Friedensbewegung mit lokalen Bündnissen der Montagsmahnwachen gemeinsam Friedensaktionen vor. Mir ist natürlich bewusst, dass die Mahnwachen nicht unumstritten sind. Es ist ein Versuch zur Zusammenarbeit, der sich erst noch bewähren muss“.

Meiner Ansicht nach ist eine Revitalisierung der Friedensbewegung ebenso notwendig (ich selbst habe ja bereits mit einigen anderen einen gesellschafts- und parteiübergreifenden Aufruf für den „Frieden in Europa“ im April diesen Jahres initiiert), wie ich diese Zusammenarbeit von Organisationen wie der DFG-VK, Pax Christi, der IPPNW u.a. mit den von Dir angesprochen „nicht unumstrittenen“ Mahnwachen für falsch und sogar gefährlich halte.

Diese „Mahnwachen“ greifen meiner Ansicht nach eine sehr berechtigte und auch von mir wahrgenommene breite Sorge bei den Menschen auf, dass die Prinzipien der friedlichen Konfliktbeilegung, der Kultur der militärischen Zurückhaltung und der Abrüstung bei uns Schritt für Schritt verabschiedet werden – aber sie benutzen diese Sorgen (über Personen wie die mit der „Mahnwachenbewegung“ verbundenen Ken Jebsen, Jürgen Elsässer oder Lars Mährholz), um Populismus und Nationalismus („Reichsbürger“) zu verbreiten und krude Verschwörungstheorien und zum Teil sogar wieder anti-semitisches Gedankengut hoffähig zu machen.

Die „Bewährung“, die ihnen nun in diesem „Friedenswinter“ zu Teil werden soll, wird die Friedensbewegung meiner Befürchtung nach eher weiter ins Abseits stellen, als dass hier Hoffnung bestünde, dass Einsicht oder gar Umkehr bei diesen Leuten erfolgt. Es ist eine langjährige Erfahrung von mir, dass Friedensarbeit und Friedenspolitik eine anspruchsvolle Arbeit ist, die nicht nur von einem Gefühl oder einer Haltung – schon gar nicht einer falschen – getragen werden kann.

Wir sollten die Zusammenhänge geduldig erklären, wir sollten die Menschen warnen, dass nicht nur der Frieden, sondern auch Demokratie, Toleranz, ja, auch die politische Stabilität bedroht sind. Diejenigen, die schon länger in unseren Zusammenhängen aktiv sind, agierten immer im Wissen darum, dass der Protest und die Straße der – im weitesten Sinne – „Linken“ gehörte. Heute ist dies nicht mehr so. Die Straße wird zum Refugium der Rechten. Im politischen Spektrum bilden sich mittlerweile seltsame „Querfronten“.

Wir werden darum nicht umhin kommen, uns wieder die Mühe machen zu müssen, viele der Menschen, die ja zu den Mahnwachen gegangen sind, weil wir ihnen kein adäquates Angebot mehr machen konnten – so ehrlich sollten und müssen wir sein –, für die komplizierten Zusammenhänge der Bedrohung für den Frieden mit der allgemeinen Politikverdrossenheit und der darin liegenden Gefahren für unsere Demokratie zu sensibilisieren.

„Eine Sicherung des Friedens durch Gewalt gibt es nicht“, sagte Ludwig Quidde am 12. Mai 1919 in der Weimarer Nationalversammlung; ich möchte dem hinzufügen: eine Sicherung des Friedens gibt es auch nicht durch die, die noch nicht einmal mit ihren Ressentiments, ihrem Hass und ihren ideologischen Welt- und Menschenbildern Frieden machen können, die heute wieder rhetorische Gewalt säen und damit diffus einer wie auch immer gearteten „Revolution“ gegen „die da oben“ das Wort reden. Wenn aber eines evident ist in der Geschichte, dann ist es der immanente Zusammenhang von Revolutionen und Krieg.

Herzliche Grüße

Robert Zion

Gelsenkirchen, den 28. November 2014


*William Shakespeare: Richard III. – Kapitel 2, ERSTER AUFZUG, ERSTE SZENE: Gloster.