Sanders kann die Wahl eben doch noch gewinnen

Von Robert Zion

21. Mai 2016

Nachdem also Hillary Clinton öffentlich verlautbart hat, dass es „getan“ sei und dass es „keinen Weg mehr gebe, dass sie nicht die Kandidatin der Demokraten sein würde“, lohnt es sich, einmal etwas genauer hinzuschauen. Denn der genauere Blick offenbart, dass Clinton wohl sehr gute Gründe hat, in einem derart imperativen Tonfall aufzutreten, denn ihre Kampagne ist – bei den Wahlergebnissen und in den Umfragen - im Mai kollabiert.

DER STAND DER DINGE

4.051 Delegierte werden im Vorwahlkampf insgesamt gewählt, die benötigte Mehrheit bei diesen beträgt also 2.026. Derzeit hat Bernie Sanders 1.500 Delegierte (37%), Clinton hat 1.770 Delegierte (43,7%). Zu vergeben sind noch 781 Delegierte (19,3%).

Um die benötigte Mehrheit bei den gewählten Delegierten zu erreichen, müsste Bernie Sanders also noch mindestens 527 (67,5% der Verbliebenen) Delegierte erringen, Clinton noch mindestens 256 (32,8% der Verbliebenen). Die Mathematik scheint nahezulegen, dass dies unmöglich erscheint, doch die Mathematik ist immer nur schlussendlicher Ausdruck politischer Prozesse und Entscheidungen. Also zur Politik.

DER ERSTE SIEG IN DER KARIBIK?

Bisher hat Bernie Sanders die Wahlen in der Karibik verloren. Doch in PUERTO RICO (60 Delegierte), wo am 5. Juni gewählt wird, findet eine offene Vorwahl statt. In der Tat war Sanders’ Wahlkampf in PUERTO RICO für die Menschen dort ein herausragendes Ereignis. Gegenüber ihnen sprach Sanders erstmals aus: „Es ist für mich unakzeptabel, dass die Regierung der Vereinigten Staaten Puerto Rico wie eine Kolonie behandelt, während dieses Land die größte finanzielle und ökonomische Krise seiner Geschichte durchmacht. Aus meiner Sicht müssen die Menschen von Puerto Rico dazu ermächtigt werden, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.” Sanders Forderung, dass PUERTO RICO entweder seine Unabhängigkeit und vollständige Souveränität oder seine vollständige Eingliederung als Bundesstaat in die USA mit allen Rechten selbst bestimmen können muss, führte schlussendlich dazu, dass Clinton hiernach ihre wichtigsten regionalen Unterstützer in PUERTO RICO verloren hat.

Kann Bernie Sanders hier die 67,5% erreichen? Möglich.

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DER NORDEN UND DIE VERGESSENEN NATIVE AMERICANS

Bernie Sanders ist der erste Präsidentschaftsbewerber überhaupt, der sich für die Rechte und Interessen der indianischen Einwohner, der Native Americans einsetzt. Sowohl der Präsident der Navajo im Süden als auch der der Lakota im Norden unterstützen offiziell seine Bewerbung. Sanders’ Zustimmungswerte bei den Native Americans dürfte an die 90% heranreichen. Und die Natives – insbesondere die Stämme der Sioux im Norden und die Navajo, Apache und Pueblo in NEW MEXICO – sind diesmal von Relevanz. In MONTANA (21 Delegierte), SOUTH DAKOTA (20 Delegierte), NORTH DAKOTA (18 Delegierte) und NEW MEXICO (34 Delegierte) dürfen am 7. Juni noch bis zu 364.000 Native Americans wählen. Es sind neben OKLAHOMA (wo Sanders bis auf zwei alle Counties und mit 10% Vorsprung gewann) und ALASKA (wo Sanders alle Counties und mit 63% Vorsprung gewann), die Staaten mit dem höchsten Bevölkerungsanteil an Natives in den USA. Im Norden dürfte Sanders zudem bei der übrigen Wählerschaft ähnlich gut abschneiden wie in den benachbarten Staaten bisher (im Durchschnitt 63%). Und auch im Süden dürfte Sanders in NEW MEXICO an diesem Punkt des Wahlprozesses bei der übrigen Wählerschaft weit besser abschneiden als noch im März im vergleichbaren und benachbarten ARIZONA.

Kann Bernie Sanders hier die 67,5% erreichen? Ja.

DIE UNABHÄNGIGEN AN DER OSTKÜSTE

Ebenfalls am 7. Juni wird noch in NEW JERSEY (126 Delegierte) gewählt. Bei den vergangen Vorwahlen an der Nordostküste hat Clinton jedoch nur bei geschlossenen Vorwahlen (und dies unter zum Teil sehr restriktiven Regularien wie in NEW YORK) gewinnen können. Bei den dortigen Vorwahlen aber, wo Unabhängige mitwählen durften (NEW HAMPSHIRE, VERMONT, RHODE ISLAND), gewann Bernie Sanders im Schnitt mit 67% zu 32%. Auch in NEW JERSEY dürfen registrierte Unabhängige mitwählen.

Kann Bernie Sanders hier die 67,5% erreichen? Möglich.

DAS PROGRESSIVE KALIFORNIEN UND DIE WESTKÜSTE

Die progressive Westküste gehört Bernie Sanders. Am 7. Juni wird dort noch in KALIFORNIEN gewählt (475 Delegierte). In ALASKA (63% zu 20%), HAWAII (70% zu 30%) und WASHINGTON STATE (73% zu 27%) hat Sanders dort geradezu Erdrutschsiege eingefahren. In OREGON wird derzeit noch ausgezählt. Die augenblickliche Führung von Sanders dort von 12 Prozentpunkten könnte sich noch auf bis zu 20 Prozentpunkte erhöhen. Im Gegensatz zu OREGON dürfen in KALIFORNIEN auch registrierte Unabhängige mitwählen. Zudem sind dort ca. 1,8 Millionen Neuregistrierungen zu verzeichnen. Zum Vergleich: Bei den Vorwahlen 2008 der US-Demokraten in KALIFORNIEN haben etwa 4,8 Millionen Menschen gewählt.

Kann Bernie Sanders hier die 67,5% erreichen? Ja.

Stand

Bisherige Vorwahlen der US-Demokraten nach gewonnenen Counties (Gelb = Clinton, Grün = Sanders) sowie noch folgende Vorwahlen: Puerto Rico (1), Montana (2), North Dakota (3), South Dakota (4), New Mexico (5), New Jersey (6) und California (7).

FAZIT

Ob es sich nun um die Native Americans, die Puertoricaner, die Progressiven an der Westküste oder die Unabhängigen handelt – nicht zu vergessen die Latinos in KALIFORNIEN und NEW MEXICO -, Clintons Imperativ, sie habe die Wahl bereits gewonnen, lässt sich nicht nur bezweifeln, er zeigt auch, dass sie keineswegs die Kandidatin der Minderheiten ist und Bernie Sanders eben auch nicht der Kandidat weißer amerikanischer Männer, Zuschreibungen, die in den Clinton-nahen Massenmedien zu einem Stereotyp geworden sind.

Aber es ist eben genau dieses Narrativ, dass es denselben Massenmedien erlaubt, zu behaupten, Sanders hätte keine Chance mehr. Dem ist nicht so. Hillary Clinton ist die Kandidatin von Corporate America und Corporate Media und eben nicht die Kandidatin der Amerikaner in ihrer tatsächlichen Vielfalt mit ihren tatsächlichen Interessen.

Und weil dies so ist, kann Bernie Sanders diese Vorwahlen eben doch noch gewinnen.