Bestandsaufnahme

“So wie es bleibt, ist es nicht”
- Heiner Müller.

Wir befinden uns in einem rasanten Zerstörungsprozess unserer Lebensgrundlagen. Unserer natürlichen wie politischen Lebensgrundlagen. Klimawandel, fortschreitendes Artensterben, Flächenverbrauch und Vermüllung stehen einer autoritären Wende in nahezu allen Schlüsselstaaten der Welt gegenüber. Die Demokratie als politisches Organistionsmodell des Westen ist überall unter Druck und in eine schwere Krise geraten. In anderen, traditionell autoritären Staaten, hat sich die Autokratie längst wieder verfestigt. Die Militärhaushalte steigen wieder und sollen noch weiter steigen. Wachstum, Techno-Wissenschaft und Konkurrenz bleiben nach wie vor die einzigen Modelle, nach denen gehandelt wird. Die Verteilungsverhältnisse zwischen einer dünnen Oberschicht und der großen Masse der Menschheit werden gobal und in einzelnen Staaten immer ungleicher.

Initiativen zum Abbau von Massenvernichtungswaffen gibt es nicht, Vereinbarungen zum globalen Klimaschutz sind nicht ausreichend und werden ohnehin nicht erfüllt. Die digitale Revolution droht Staaten wie Konzerne zu autoritären Giganten zu machen, die sämtliche Lebensdaten der Masse der Menschen erfassen und verwalten.

Wir dürfen wohl behaupten, dass wir uns in einer Krise der Gattung befinden. Offensichtlich sind unsere ökonomischen, politischen und wissenschaftlichen Organisiationsformen untauglich, untauglich, das Überleben des Gattungswesens Mensch zu gewährleisten, da sie Mensch und Natur, Staaten, Kulturen, Regionen und Religionen, bis hin zu Gruppen und einzelnen Menschen, gegeneinander stellen, statt ein Miteinander zu ermöglichen.

Linke nennen diese Krise die “Krise des Kapitalismus”, Rechte nennen sie die “Krise der Nation”, tatsächlich ist es eine Krise des Gattungswesens Mensch. In dem Moment also, in dem die Organisationsprinzipien von Wachstum, Techno-Wissenschaft und Konkurrenz die Menschen tatsächlich zur Schicksalsgemeinschaft einer Menschheit gemacht haben, müssen wir ihre Untauglichkeit feststellen.

Es waren Organisationsprinzipien, die bestenfalls zur zeitlich begrenzten Organisiation partikularer Gruppen, Staaten, Kulturen taugten. Zwar können wir allmählich begreifen, dass der Mensch als Gattungswesen nur mit Modellen und Organisationsprinzipien ökonomischer Kreisläufe (statt linearen Wachstums), geistig-kulturellen Fortschritts (statt des techno-wissenschaftlichen) und der Kooperation (statt der Konkurrenz) überleben kann, doch stehen wir vor dem Dilemma, dass sich bereits zuviel ändern müsste, bevor sich überhaupt noch etwas ändern kann.

Wir stehen an der Schwelle des Endes eines kurzen Zeitalters der Freiheit des Menschen. Denn “Freiheit hebt die Notwendigkeit nicht auf, sie setzt diese voraus” (Spinoza, 1677). Lange, zu lange vielleicht schon haben wir die Notwendigkeit ignoriert.

Wir treten in ein finsteres Zeitalter unerbittlicher Notwendigkeiten und der Unfreiheit ein.

Robert Zion, 04.03.2018